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Neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft:
Dehnen - ein jahrelanger Irrtum

Eine Vielzahl von Arbeiten der letzten 10 Jahre machen deutlich, dass es eine Reihe von wichtigen Strukturen im Muskel gibt, die für das Verständnis von Dehnen und Krafttraining von immanenter Wichtigkeit sind. Eine zentrale Rolle dieser Strukturen (Proteine) wird dem Titin zugeschrieben.

Titin - was ist das überhaupt?
Den Namen erhielt dieses neue Muskelelement durch seine Größe. Es handelt sich nämlich aufgrund seiner Ausmaße um einen wahren "Titanen" (das bisher größte bekannte Protein).

Graue Theorie: Wofür ist dieses Protein zuständig?
Bei muskulären Dysbalancen handelt es sich um ein Ungleichgewicht zwischen zwei Muskeln bzw. Muskelgruppen (Synergist und Antagonist). Man kann sich dies an folgendem Beispiel verbildlichen: Eine Waage ist nur dann im Gleichgewicht, wenn auf beiden Seiten die Gewichtsmassen ausgeglichen sind. Analog verhält sich auch ein Gelenk mit den dazugehörigen Muskeln. Auch hier sollte ein ausgeglichener Zustand vorhanden sein. Andernfalls kommt es zu Dysbalancen mit all ihren möglichen Folgen.

Auf beiden Seiten dieser Waage üben im realen biologischen System "Mensch" die Muskeln auch in Ruhe eine Spannung aus.
Als Ruhespannung bezeichnet man also den Widerstand, den der passive Muskel einer Dehnung entgegensetzt. Ursprünglich wurde die Ruhespannung den elastischen Eigenschaften der Muskelfaserhülle zugeschrieben. Genau diese theoretische Position bestimmt auch heute noch weite Bereiche der sportwissenschaftlichen und physiotherapeutischen Muskellehre. Dies beinhaltet natürlich auch die Behandlung von muskulären Dysbalancen mit herkömmlichen Dehnungsmaßnahmen.

Ende der 70er Jahre wurde nun jedoch das Titinfilament im Muskel entdeckt. Dabei handelt es sich um eine hochelastische molekulare Feder. Genau diese Struktur ist für die weiter oben beschriebene Ruhespannung zuständig. Offensichtlich haben sie also die Aufgabe, die Ruhelänge des Muskels (bzw. der Sarkomere) wiederherzustellen.
Von besonderer Bedeutung ist folgende Erkenntnis: Die Titinfilament-Anzal erhöht sich durch Krafttraining analog mit dem Muskelquerschnitt. D.h. es kommt auf das Kraftverhältnis der beiden Muskelgruppen (Synergist und Antagonist) eines Gelenksystems an.

Der derzeitige Erkenntnisstand der Wissenschaft lässt folgende Conclusio zu:
Nicht Dehntraining des verkürzten Muskels, sondern Krafttraining der Gegenseite ist das geeignete Mittel zur Behandlung muskulärer Dysbalancen. Natürlich verliert das herkömmliche Stretching durch diese neuen Erkenntnisse nicht an Wichtigkeit. Dehnen hat eine Vielzahl von positiven Effekten auf die man keinesfalls verzichten sollte.

(Quelle: Deutsche Zeitschrift für sportmed. Jahrgang 49)

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